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Das KI-Praktikum mit 18.300 Dollar – Scheinriese oder Karrierechance?

Warum die mediale Jubelmeldung über ein „Praktikum mit Spitzenverdienst“ nur die halbe Wahrheit erzählt:

Im Dezember 2025 sorgte ein kurzer Artikel auf t3n.de für Aufmerksamkeit: „Karriere mit KI: Bei diesem Praktikum verdienst du 18.300 Dollar pro Monat“. Auf den ersten Blick klingt das wie eine Sensation – eine Art Goldrausch für junge Talente, die in die Welt der künstlichen Intelligenz einsteigen wollen. Doch ein genauerer Blick zeigt: Hinter der Schlagzeile steckt weit mehr Komplexität, und die Realität ist nicht so glänzend, wie sie scheint.

Was steckt hinter der Meldung?

Tatsächlich existiert ein Programm, das jungen Talenten ein extrem hohes Gehalt in Aussicht stellt: die OpenAI Residency. Dabei handelt es sich um ein sechsmonatiges Programm, bei dem Teilnehmende als Vollzeitangestellte mit Forschungsaufgaben in renommierten KI-Teams mitarbeiten – und dabei eine Vergütung von etwa 18.300 US-Dollar pro Monat erhalten.

OpenAI selbst beschreibt das Programm folgendermaßen:

„Dieses Programm beschleunigt die Entwicklung talentierter Entwickler:innen und Nachwuchsforscher:innen aus unterschiedlichsten Fachrichtungen, indem es ihnen Mentoring und ein Umfeld bietet, in dem sie echte Forschung an der Spitze der KI betreiben können.“

Für manche klingt das nach dem Eintritt in eine neue Welt: hohes Gehalt, spannende Aufgaben, Zugang zu Spitzentechnologie. Aber dieser erste Eindruck verschleiert entscheidende Aspekte.

Warum die Begriffe irreführend sind

Schon das Wort „Praktikum“ im t3n-Artikel ist missverständlich. Das OpenAI-Programm ist kein klassisches Praktikum, wie man es aus Studium oder Ausbildung kennt. Laut OpenAI handelt es sich vielmehr um eine Vollzeitstelle auf Zeit, bei der von Beginn an produktive Beiträge erwartet werden.

Ein ehemaliger Teilnehmer beschreibt das Programm rückblickend so:

„Die OpenAI Residency war mehr als nur ein Programm – sie war ein Prüfstein für die persönliche und fachliche Entwicklung, der akademische Strenge mit intensiver Betreuung verbunden hat.“

Das klingt zunächst positiv, doch Begriffe wie „Prüfstein“ oder „Schmelztiegel“ machen deutlich, dass es sich um ein hoch anspruchsvolles Umfeld handelt, nicht um einen geschützten Lernraum.

Die Schattenseiten hinter dem hohen Gehalt

1. Hohe Zugangshürden und extreme Selektion

Das Programm richtet sich nicht an allgemeine Einsteiger:innen oder Studierende ohne Vorerfahrung. Bewerber:innen müssen bereits über sehr gute Programmierkenntnisse, solide mathematische Grundlagen und die Fähigkeit verfügen, komplexe technische Projekte eigenständig umzusetzen.

Internationale Karrieremedien berichten, dass sich auf solche Programme tausende Kandidat:innen bewerben – häufig mit Master- oder Promotionsniveau, mehrjähriger Berufserfahrung oder einschlägigen Forschungsprojekten.

Ein Entwickler kommentierte dazu kritisch auf LinkedIn:

„Ist das nicht inzwischen ein normales Ingenieursgehalt in Regionen wie Kalifornien oder New York? Und ehrlich gesagt: Angesichts der Lebenshaltungskosten dort ist es nicht einmal besonders viel.“

Damit wird deutlich: Selbst die beeindruckende Zahl relativiert sich, wenn man Standortfaktoren berücksichtigt.

2. Leistungsdruck auf Elite-Niveau

Die hohe Vergütung geht mit enormem Leistungsdruck einher. In diesen Programmen geht es nicht um beobachtendes Lernen, sondern um aktive Mitarbeit an Forschungs- und Entwicklungsaufgaben mit hoher Sichtbarkeit.

Ein weiterer ehemaliger Resident beschreibt seine Erfahrung so:

„Alles, was ich gelernt habe, habe ich dadurch gelernt, dass ich vom ersten Tag an echte Beiträge geleistet habe – beim Trainieren, Bewerten und Entwickeln mit modernster Forschung.“

Das ist kein sanfter Einstieg, sondern ein Sprung in ein Hochleistungsumfeld, das kontinuierliche Selbstorganisation, Belastbarkeit und fachliche Exzellenz voraussetzt.

3. Befristung und Unsicherheit

Ein zentraler Punkt, der in vielen Berichten untergeht: Diese Programme sind strikt befristet. Nach sechs Monaten endet das Arbeitsverhältnis – eine Übernahme ist möglich, aber keineswegs garantiert.

Für die Teilnehmenden bedeutet das:

  • hoher Druck, in kurzer Zeit messbare Leistung zu zeigen
  • Unsicherheit über den nächsten Karriereschritt
  • die Gefahr, nach einem Prestige-Abschnitt wieder in einen angespannten Arbeitsmarkt zurückzufallen

Gerade für jüngere Talente kann dieser abrupte Übergang psychisch belastend sein.

4. Trügerische Wahrnehmung des KI-Arbeitsmarkts

Das vielleicht größte Problem der medialen Darstellung: Sie verzerrt das Bild des gesamten KI-Arbeitsmarkts. Die meisten KI-Jobs – auch gut qualifizierte – bewegen sich weit unterhalb solcher Spitzengehälter.

t3n selbst berichtet in anderen Artikeln, dass KI-Entwickler:innen in Deutschland je nach Erfahrung und Region häufig zwischen etwa 3.400 und 4.800 Euro brutto im Monat verdienen. Das steht in keinem Verhältnis zu den im Residency-Programm genannten Summen.

Das Risiko: Leser:innen setzen diese Ausnahme unbewusst als Maßstab – und erleben ihre eigene Karriere als unzureichend, obwohl sie objektiv solide verläuft.

5. Unsichtbare Arbeit und ethische Fragen

Hinzu kommt eine strukturelle Schieflage im KI-Ökosystem. Während wenige hochqualifizierte Talente Spitzengehälter erzielen, arbeiten viele andere im Hintergrund: etwa bei der Datenannotation oder Qualitätssicherung, oft für niedrige Löhne und ohne langfristige Absicherung.

Diese Arbeit ist für moderne KI-Systeme essenziell – taucht aber in Erfolgsgeschichten kaum auf. Das verstärkt den Eindruck einer Branche, die nach außen glänzt, intern jedoch starke Ungleichgewichte aufweist.

Warum solche Berichte so gut funktionieren

Der t3n-Artikel folgt einem bekannten Muster moderner Tech-Berichterstattung: große Zahlen, knappe Texte, starke Versprechen. Das ist nicht falsch – aber unvollständig.

Besonders problematisch ist der Effekt auf Studierende und Berufseinsteiger:innen: Die Erwartung, dass der KI-Einstieg zwangsläufig mit Prestige und Spitzengehältern verbunden sei, führt häufig zu Frustration, Überforderung oder falschen Karriereentscheidungen.

Fazit: Mehr als eine Schlagzeile

Der t3n-Artikel ist faktisch korrekt: Es gibt Programme, die extrem hohe Vergütungen zahlen. Doch sie sind Ausnahmen in einem stark fragmentierten Arbeitsmarkt.

Diese Programme sind:

  • hoch selektiv
  • psychisch und fachlich fordernd
  • zeitlich befristet
  • nicht repräsentativ für die Mehrheit der KI-Jobs

Wer eine Karriere im KI-Bereich anstrebt, sollte solche Angebote als das betrachten, was sie sind: exklusive Nischenprogramme – nicht als realistischen Standardweg.

Quellen

  1. Noëlle Bölling: Karriere mit KI: Bei diesem Praktikum verdienst du 18.300 Dollar pro Monat. t3n, 26.12.2025.
  2. OpenAI: OpenAI Residency Program – Official Description.
  3. Business Insider: Top-paying AI internships, fellowships and residencies at OpenAI, Anthropic, Meta and Google.
  4. LinkedIn: Kommentar von Viacheslav Kraft zur OpenAI Residency, Dezember 2025.
  5. t3n: KI-Entwickler: Aufgaben, Gehalt und Berufsperspektiven.
  6. Wikipedia: Clickworker (Artikel zur datenbasierten Plattformarbeit)

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