Datenarbeiter

Nicht die KI arbeitet für mich. Ich arbeite für die KI.

Über den Wandel vom Wissensarbeiter zum Datenarbeiter – jenseits der Produktivitätsversprechen der KI-Branche:

„KI steigert die Produktivität.“

„KI übernimmt Routinearbeiten.“

„KI macht Unternehmen effizienter.“

„KI-Agenten erledigen bald den Großteil unserer Arbeit.“

Kaum eine Technologie wurde in den vergangenen Jahren mit ähnlich großen Erwartungen aufgeladen wie generative Künstliche Intelligenz. Wer Vorträge besucht, Studien liest oder auf LinkedIn unterwegs ist, gewinnt schnell den Eindruck, wir stünden kurz vor einer neuen industriellen Revolution. Unternehmen sollen möglichst schnell auf KI setzen. Verwaltungen sollen Prozesse automatisieren. Beschäftigte sollen lernen, effizient mit Prompts zu arbeiten. Wer dabei nicht mithält, gilt schnell als rückständig oder riskiert angeblich seine Wettbewerbsfähigkeit.

Je häufiger ich diese Aussagen höre, desto größer werden meine Zweifel.

Nicht deshalb, weil ich KI grundsätzlich ablehne.

Sondern weil meine eigenen Erfahrungen damit immer weniger zu dieser öffentlichen Erzählung passen.

Ich habe generative KI in den vergangenen Monaten immer wieder bei ganz unterschiedlichen Aufgaben eingesetzt – bei Recherchen, beim Schreiben von Texten, bei Programmierung, Webentwicklung, Gestaltung, Bildgenerierung und vielen anderen Tätigkeiten, die nach allgemeiner Auffassung inzwischen besonders gut automatisierbar sein sollen.

Mein Fazit fällt inzwischen deutlich ernüchternder aus.

Nach meiner Erfahrung ist generative KI für anspruchsvolle professionelle Arbeit heute nicht oder nur äußerst eingeschränkt brauchbar.

Diese Einschätzung beruht nicht auf einem einzelnen schlechten Erlebnis.

Sie beruht auf hunderten Stunden praktischer Arbeit.

Die eigentliche Geschichte handelt gar nicht von KI

Wenn heute über KI diskutiert wird, geht es meist um ihre Fähigkeiten.

Wie gut schreibt sie?

Wie gut programmiert sie?

Wie gut recherchiert sie?

Ich glaube inzwischen, dass wir die falschen Fragen stellen.

Die eigentliche Geschichte handelt nämlich gar nicht von der KI.

Sie handelt vom Menschen.

Genauer gesagt:

Von der Arbeit, die der Mensch zusätzlich leisten muss, damit KI überhaupt zu brauchbaren Ergebnissen kommt.

Denn während ständig davon gesprochen wird, welche Arbeiten die KI künftig übernehmen soll, wird erstaunlich selten darüber gesprochen, welche neuen Arbeiten dadurch überhaupt erst entstehen.

Ich muss Informationen zusammentragen.

Ich muss Aufgaben strukturieren.

Ich muss Prompts formulieren.

Ich muss Zusammenhänge erklären.

Ich muss Halluzinationen erkennen.

Ich muss Quellen kontrollieren.

Ich muss Fehler korrigieren.

Ich muss Ergebnisse vergleichen.

Ich muss alles erneut überprüfen.

Und wenn durch eine Korrektur an anderer Stelle neue Fehler entstehen, beginnt der gesamte Vorgang von vorn.

Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto deutlicher wurde mir:

Nicht die KI arbeitet für mich.

Ich arbeite für die KI.

Vom Wissensarbeiter zum Datenarbeiter

Früher bestand meine Arbeit darin, Probleme zu lösen.

Heute besteht ein wachsender Teil meiner Arbeit darin, eine KI mit Informationen zu versorgen.

Ich liefere Daten.

Ich erkläre Zusammenhänge.

Ich formuliere Anweisungen.

Ich strukturiere Aufgaben.

Ich prüfe jedes Ergebnis.

Ich korrigiere Fehler.

Ich erkläre dieselben Dinge erneut.

Ich beginne nach Kontextverlusten wieder von vorne.

Mit anderen Worten:

Ich werde zunehmend zum Datenarbeiter.

Der eigentliche fachliche Teil meiner Arbeit tritt dabei immer weiter in den Hintergrund.

Statt selbst zu entwerfen, zu programmieren oder zu gestalten, beschäftige ich mich immer häufiger damit, die KI zu steuern.

Das Erstaunliche daran:

Für diese zusätzliche Arbeit werde ich nicht bezahlt.

Im Gegenteil.

Ich bezahle sogar noch ein monatliches Abonnement dafür.

Genau das empfinde ich inzwischen als paradox.

Uns wird erzählt, KI nehme uns Arbeit ab.

Meine Erfahrung lautet häufig:

Sie erzeugt neue Arbeit.

Nur wird diese Arbeit in kaum einer Produktivitätsstudie mitgerechnet.

Nicht der erste Fehler ist das Problem

Natürlich macht jede Software Fehler.

Natürlich machen auch Menschen Fehler.

Darum geht es mir gar nicht.

Das eigentliche Problem beginnt dort, wo aus einem kleinen Fehler eine Kette neuer Fehler entsteht.

Wo eine Korrektur an einer Stelle dazu führt, dass an anderer Stelle etwas kaputtgeht.

Wo bereits geklärte Sachverhalte wieder vergessen werden.

Wo dieselbe Anweisung zum fünften oder sechsten Mal erklärt werden muss.

Genau das habe ich immer wieder erlebt.

Meine Anweisungen waren häufig erstaunlich einfach.

„Bitte das Bild genauso machen wie im Upload.“

Nicht ähnlich.

Nicht verbessert.

Nicht neu interpretiert.

Einfach genauso.

Das Ergebnis?

Das Bild sah anders aus.

Farben waren verändert.

Elemente fehlten.

Andere Elemente waren plötzlich hinzugekommen.

Darauf folgte die nächste Anweisung.

„Bitte nicht wieder alles komplett ändern.“

Oder:

„Ich möchte nur das Hintergrundbild.“

Doch wieder wurden gleichzeitig andere Bereiche verändert.

Texte tauchten auf.

Buttons verschwanden.

Abstände änderten sich.

Layouts wurden umgebaut.

Schließlich schrieb ich irgendwann nur noch:

„Nicht quatschen – machen!“

Nicht aus Unhöflichkeit.

Sondern weil ich längst keine weiteren Erklärungen mehr brauchte.

Ich brauchte endlich eine zuverlässige Umsetzung.

Trial and Error ersetzt keine professionelle Arbeitsweise

Irgendwann stellte ich fest, dass ich kaum noch an meinem eigentlichen Projekt arbeitete.

Ich arbeitete an den Fehlern der KI.

Oder genauer:

Ich arbeitete an den Folgen ihrer Fehler.

Eine Änderung wurde umgesetzt.

Dadurch entstanden zwei neue Probleme.

Diese wurden korrigiert.

Dabei verschwand eine bereits funktionierende Lösung.

Also begann die nächste Korrekturschleife.

Aus einem eigentlich überschaubaren Arbeitsschritt entwickelte sich ein Trial-and-Error-Prozess ohne erkennbares Ende.

Immer häufiger schrieb ich irgendwann:

„Ich wäre schon dreimal fertig.“

Dieser Satz entstand nicht aus Frust über einzelne Fehler.

Er entstand aus der Erkenntnis, dass die eigentliche Arbeit längst nicht mehr darin bestand, mein Projekt voranzubringen.

Die eigentliche Arbeit bestand darin, bereits Erarbeitetes immer wieder gegen neue Fehler zu verteidigen.

Dabei fiel mir noch etwas auf.

Ein professioneller Kollege verändert nicht bei jeder Korrektur gleichzeitig zehn andere Dinge.

Er merkt sich grundlegende Projektentscheidungen.

Er entwickelt eine konsistente Linie.

Er baut auf dem bereits Erarbeiteten auf.

Genau diese Verlässlichkeit habe ich bei generativer KI in komplexeren Projekten häufig vermisst.

Ausgerechnet die Arbeiten, die ich abgeben möchte, bleiben beim Menschen

Noch erstaunlicher finde ich einen anderen Widerspruch.

Seit Jahren wird versprochen, KI werde uns die lästigen Routinearbeiten abnehmen.

Genau das ist nach meiner Erfahrung häufig nicht der Fall.

Ausgerechnet die Tätigkeiten, die ich besonders gern delegieren würde, funktionieren oft überhaupt nicht oder nur in einer Qualität, die professionellen Anforderungen nicht genügt.

Ein vorhandenes Bild exakt übernehmen?

Fehlanzeige.

Eine Grafik lediglich an einer kleinen Stelle verändern, ohne alles andere neu zu interpretieren?

Fehlanzeige.

Professionell nutzbare SVG-Dateien erzeugen?

Nach meiner Erfahrung derzeit nicht.

Konsistente Icons erstellen, die einem Corporate Design entsprechen?

Ebenfalls nicht.

Hochauflösende Grafiken für den professionellen Einsatz?

Auch hier habe ich bislang keine überzeugenden Ergebnisse erlebt.

Dabei geht es nicht um Perfektion.

Es geht um Zuverlässigkeit.

Wenn ich einer Grafikerin einen fertigen Entwurf gebe und sage: „Bitte genau diesen Entwurf übernehmen und nur den Rand ändern“, dann erwarte ich nicht, dass sie Himmel, Farben, Bildaufbau und Gestaltung gleich mit neu erfindet.

Genau das habe ich bei generativer KI jedoch immer wieder erlebt.

Irgendwann wurde mir sogar vorgeschlagen, bestimmte Icons einfach selbst zu zeichnen.

Meine spontane Reaktion lautete:

„Das ist doch ein Witz. Ich soll jetzt die Icons selbst zeichnen?“

Genau an diesem Punkt fragte ich mich zum ersten Mal ernsthaft, worin der versprochene Produktivitätsgewinn eigentlich bestehen soll.

Wenn der Chat selbst zum Problem wird

Ein weiterer Aspekt wird erstaunlich selten thematisert.

Je anspruchsvoller ein Projekt wird, desto länger wird zwangsläufig auch der Chat.

Anfangs ist das kein Problem.

Im Gegenteil.

Die KI kennt den bisherigen Verlauf.

Sie kennt Entscheidungen.

Sie kennt den Projektkontext.

Doch irgendwann verändert sich etwas.

Der Chat wird immer länger.

Die Antworten werden langsamer.

Zusammenhänge scheinen verloren zu gehen.

Bereits geklärte Entscheidungen werden erneut diskutiert.

Bereits gelöste Probleme tauchen plötzlich wieder auf.

Ich erkläre dieselben Dinge erneut.

Und irgendwann entsteht fast zwangsläufig der Gedanke:

„Dann beginne ich eben einen neuen Chat.“

Doch genau dort beginnt das nächste Problem.

Der neue Chat kennt praktisch nichts.

Alle Projektentscheidungen müssen erneut erklärt werden.

Alle Zusammenhänge.

Alle Gestaltungsprinzipien.

Alle bisherigen Fehler.

Alle gefundenen Lösungen.

Mit anderen Worten:

Lange Chats werden irgendwann schwer benutzbar.

Neue Chats beginnen fast wieder bei null.

Beides kostet Zeit.

Beides kostet Konzentration.

Und beides taucht in keiner Produktivitätsstatistik auf.

Die Produktivität wird falsch gemessen

Genau hier liegt für mich der eigentliche Denkfehler der aktuellen KI-Debatte.

Gemessen wird fast immer nur die Zeit, die eine KI für die Erstellung eines Ergebnisses benötigt.

Gemessen wird aber kaum die Zeit, die anschließend der Mensch investieren muss.

Für Korrekturen.

Für Qualitätskontrollen.

Für Nacharbeiten.

Für neue Prompts.

Für Halluzinationen.

Für Kontextverluste.

Für das erneute Erklären derselben Aufgabe.

Dabei entscheidet genau diese Zeit darüber, ob ein Werkzeug produktiv ist oder nicht.

Ein Werkzeug spart nämlich nicht deshalb Zeit, weil es schnell ein erstes Ergebnis erzeugt.

Es spart Zeit, wenn das endgültige professionelle Ergebnis schneller erreicht wird.

Nach meiner Erfahrung wird dieser Unterschied in vielen Diskussionen über KI völlig unterschätzt.

Marketing und Wirklichkeit

Was mich inzwischen am meisten irritiert, ist deshalb nicht die Technik selbst.

Sondern die Erzählung über sie.

Wer Vorträge besucht oder Beiträge in sozialen Medien liest, bekommt häufig den Eindruck, die Produktivitätsrevolution habe längst begonnen.

Ich frage mich inzwischen ernsthaft, ob wir über dieselbe Technologie sprechen.

Während auf Konferenzen und in Hochglanzpräsentationen enorme Effizienzgewinne versprochen werden, verbringe ich Stunden damit, einer KI dieselbe Aufgabe immer wieder zu erklären.

Während von Automatisierung gesprochen wird, kontrolliere ich jede einzelne Ausgabe.

Während behauptet wird, KI übernehme Routinearbeiten, erledige ich genau diese Arbeiten anschließend selbst.

Natürlich kann jede neue Technologie Kinderkrankheiten haben.

Darum geht es mir gar nicht.

Mich stört vielmehr die enorme Diskrepanz zwischen den öffentlichen Versprechen und meinen praktischen Erfahrungen.

Warum diese Debatte wichtig ist

Vielleicht ist genau das die eigentliche Gefahr.

Nicht, dass KI Fehler macht.

Sondern dass wir beginnen, politische und wirtschaftliche Entscheidungen auf einem Bild von KI aufzubauen, das mit der Realität vieler professioneller Anwender nur begrenzt übereinstimmt.

Unternehmen werden unter Druck gesetzt.

Verwaltungen sollen möglichst schnell digitalisieren.

Beschäftigte sollen lernen, mit KI zu arbeiten.

Gleichzeitig wird erstaunlich selten gefragt, ob sich der versprochene Produktivitätsgewinn im jeweiligen Arbeitsbereich überhaupt nachweisen lässt.

Stattdessen scheint die Einführung von KI vielerorts bereits als Selbstzweck zu gelten.

Mein Fazit

Ich werde generative KI selbstverständlich weiterhin beobachten und dort einsetzen, wo sie sich im konkreten Einzelfall tatsächlich als hilfreich erweist.

Aber ich glaube den pauschalen Produktivitätsversprechen nicht mehr.

Zu oft habe ich erlebt, dass einfache Aufgaben zu stundenlangen Trial-and-Error-Prozessen wurden.

Zu oft entstanden neue Fehler, während alte beseitigt wurden.

Zu oft gingen Zusammenhänge verloren.

Zu oft musste ich Projekte praktisch neu beginnen, weil der Kontext nicht mehr vorhanden war.

Vor allem aber hat sich mein Verständnis von KI grundlegend verändert.

Ich sehe sie heute nicht mehr als Werkzeug, das mir Arbeit abnimmt.

Ich sehe sie häufig als System, das neue Arbeit erzeugt.

Nicht die KI arbeitet für mich.

Ich arbeite für die KI.

Ich liefere Daten.

Ich strukturiere Informationen.

Ich formuliere Prompts.

Ich erkläre Zusammenhänge.

Ich suche Fehler.

Ich kontrolliere Ergebnisse.

Ich korrigiere Halluzinationen.

Ich beginne nach Kontextverlusten wieder von vorne.

Ich werde vom Wissensarbeiter zum Datenarbeiter.

Und genau deshalb stelle ich mir inzwischen eine Frage, die in der öffentlichen Debatte erstaunlich selten gestellt wird:

Was wäre, wenn die eigentliche Innovation der generativen KI gar nicht darin besteht, menschliche Arbeit zu automatisieren – sondern darin, eine völlig neue Form menschlicher Arbeit zu schaffen?

Solange diese zusätzliche Arbeit unsichtbar bleibt, erscheinen viele Versprechen über Produktivität unvollständig.

Eine ehrliche Debatte über KI sollte deshalb nicht nur fragen, was eine KI kann.

Sie sollte vor allem fragen, wie viel zusätzliche menschliche Arbeit erforderlich ist, damit aus ihren Ergebnissen überhaupt professionelle Ergebnisse werden.

Erst wenn wir diese Arbeit vollständig mitrechnen, können wir seriös beurteilen, ob generative KI tatsächlich hält, was ihre Befürworter versprechen.

Quellen und weiterführende Hinweise

  • The AI Con.
  • Stanford Institute for Human-Centered Artificial Intelligence – Veröffentlichungen zu Leistungsfähigkeit, Grenzen und Auswirkungen generativer KI.
  • NIST – Forschung zu vertrauenswürdigen KI-Systemen und Risikomanagement.
  • Eigene, über viele Monate dokumentierte Erfahrungen beim Einsatz generativer KI in unterschiedlichen professionellen Arbeitsprozessen.

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