Wie Big Techs KI-Geschäftsmodell zum milliardenschweren Kreislauf wurde und warum Europa am Ende den höchsten Preis zahlen könnte:
Die künstliche Intelligenz erlebt derzeit einen Investitionsboom historischen Ausmaßes. Microsoft, Amazon, Alphabet, Meta und Nvidia investieren jedes Jahr Hunderte Milliarden Dollar in Rechenzentren, Hochleistungschips und Energieversorgung. Gleichzeitig überbieten sich Analysten mit Prognosen über das nächste Billionen-Dollar-Geschäft.
Doch was, wenn ein Teil dieser beeindruckenden Wachstumszahlen auf einem wirtschaftlichen Kreislauf beruht? Was, wenn ein erheblicher Teil der ausgewiesenen Umsätze dadurch entsteht, dass sich dieselben Unternehmen gegenseitig finanzieren und anschließend gegenseitig ihre Infrastruktur abkaufen?
Mit genau dieser These sorgt der deutsche Tech-Analyst Sascha Pallenberg seit einigen Monaten für Diskussionen. In mehreren ausführlichen Analysen beschreibt er ein Geflecht aus Beteiligungen, Cloud-Verträgen und milliardenschweren Investitionen, das seiner Ansicht nach die tatsächliche wirtschaftliche Lage der KI-Branche verschleiert. Seine Schlussfolgerung ist provokant: Die KI-Industrie könnte auf einer gewaltigen Investitionsspirale stehen, deren wirtschaftliche Tragfähigkeit zunehmend fraglich wird.
Doch wie belastbar ist diese These?
Wer ist Sascha Pallenberg?
Sascha Pallenberg gehört seit vielen Jahren zu den bekanntesten deutschsprachigen Technologiejournalisten und Analysten. Bekannt wurde er bereits in den frühen 2000er-Jahren als Gründer des Technikblogs MobileGeeks. Später arbeitete er unter anderem als Digitalexperte für Daimler sowie als Innovationsberater. Heute veröffentlicht er auf seinem Blog MeTacheles ausführliche Analysen zu Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und geopolitischen Entwicklungen.
Seine Beiträge unterscheiden sich deutlich vom schnellen Nachrichtenjournalismus. Statt kurzer Meldungen veröffentlicht Pallenberg häufig umfangreiche Hintergrundanalysen, in denen er Geschäftsberichte, Marktstatistiken und wirtschaftliche Zusammenhänge auswertet. Seine Texte sind bewusst pointiert formuliert und vertreten häufig klare Positionen. Gerade deshalb stoßen sie regelmäßig auf Zustimmung, aber auch auf Widerspruch.
Das Prinzip des „Kreislauf-Invests“

Der Kern seiner Analyse lässt sich erstaunlich einfach erklären.
Stellen wir uns vor, Unternehmen A investiert zehn Milliarden Dollar in Unternehmen B.
Unternehmen B verwendet einen Großteil dieses Geldes anschließend, um Cloud-Dienstleistungen von Unternehmen A zu kaufen.
Dadurch entstehen bei Unternehmen A Milliardenumsätze.
Diese steigern wiederum den Börsenwert von Unternehmen A, erleichtern neue Investitionen und schaffen den finanziellen Spielraum für weitere Beteiligungen.
Vereinfacht dargestellt entsteht folgender Kreislauf:
Investition → Cloud-Umsatz → steigender Unternehmenswert → neue Investitionen → neuer Cloud-Umsatz
Nach Ansicht Pallenbergs bildet genau dieses Prinzip einen wesentlichen Bestandteil der heutigen KI-Industrie.
Als Beispiele nennt er unter anderem Microsoft und OpenAI.
Microsoft investierte Milliarden in OpenAI. OpenAI wiederum betreibt seine Modelle überwiegend auf Microsoft Azure und bezahlt dafür erhebliche Summen an Microsoft. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Amazon und Anthropic oder bei Google und Anthropic. Hinzu kommt Nvidia, das zahlreiche KI-Unternehmen finanziert, die anschließend Milliardenbeträge in Nvidia-GPUs investieren.
Rechtlich ist daran nichts auszusetzen. Solche Beteiligungen und langfristigen Infrastrukturverträge sind vollkommen zulässig und werden in den Geschäftsberichten offengelegt.
Die entscheidende Frage lautet jedoch:
Wie viel der ausgewiesenen Wachstumsdynamik beruht tatsächlich auf einer dauerhaft zahlungsbereiten Kundschaft und wie viel entsteht durch Investitionsgelder, die innerhalb desselben Ökosystems zirkulieren?
Warum diese Frage wichtig ist
Große Technologieunternehmen investieren nicht ohne Grund derart gewaltige Summen.
Der Aufbau moderner KI-Rechenzentren kostet Milliarden. Hinzu kommen Hochleistungschips, Glasfaserverbindungen, Kühlsysteme, Energieversorgung und zunehmend sogar eigene Kraftwerke.
Damit sich diese Investitionen rechnen, müssen die Unternehmen ihre Infrastruktur über viele Jahre hinweg auslasten.
Genau hier setzt Pallenbergs Kritik an.
Wenn künftig immer mehr Unternehmen auf lokale KI-Systeme oder frei verfügbare Open-Source-Modelle umsteigen, könnten die erwarteten Cloud-Umsätze deutlich geringer ausfallen als heute angenommen.
In diesem Fall würden sich die gigantischen Investitionen wesentlich langsamer amortisieren.
Open Source verändert die Spielregeln
Noch vor zwei Jahren schien der Markt klar verteilt.
OpenAI, Google und Anthropic galten als nahezu uneinholbar.
Heute sieht das Bild deutlich differenzierter aus.
Mit Modellen wie Llama, Qwen, DeepSeek oder GLM existieren leistungsfähige Open-Source-Systeme, die viele Aufgaben bereits auf einem sehr hohen Niveau erledigen.
Für zahlreiche Unternehmen stellt sich deshalb zunehmend eine wirtschaftliche Frage:
Warum dauerhaft hohe API-Gebühren bezahlen, wenn vergleichbare Modelle lokal betrieben werden können?
Natürlich erreichen nicht alle offenen Modelle das Leistungsniveau der besten kommerziellen Systeme.
Doch für viele praktische Anwendungen genügt inzwischen „gut genug“.
Und genau das könnte die Geschäftsmodelle der großen Anbieter unter Druck setzen.
China holt schneller auf als erwartet
Besonders aufmerksam verfolgt Pallenberg die Entwicklung chinesischer KI-Unternehmen.
Während westliche Anbieter auf proprietäre Modelle setzen, veröffentlicht China zunehmend leistungsfähige Open-Source-Alternativen.
Dadurch entsteht ein völlig anderer Wettbewerb.
Je leistungsfähiger frei verfügbare Modelle werden, desto schwieriger wird es für kommerzielle Anbieter, dauerhaft hohe Preise durchzusetzen.
Ob sich dieser Trend fortsetzt, bleibt abzuwarten.
Unbestreitbar ist jedoch, dass chinesische Unternehmen inzwischen wesentlich schneller aufholen, als viele Experten noch vor zwei Jahren erwartet hätten.
Könnte Apple zum Gamechanger werden?
Ein weiterer Baustein seiner Analyse betrifft Apple.
Während Microsoft, Amazon und Google enorme Cloud-Infrastrukturen aufbauen, verfolgt Apple traditionell einen anderen Weg.
Mit seinen Unified-Memory-Architekturen kombiniert Apple außergewöhnlich hohe Speicherbandbreiten mit vergleichsweise geringem Energieverbrauch.
Sollten zukünftige Mac-Systeme tatsächlich Arbeitsspeichergrößen im Bereich eines Terabytes oder darüber hinaus unterstützen, könnten dort sehr große Sprachmodelle lokal betrieben werden.
Für Unternehmen mit sensiblen Daten wäre dies durchaus attraktiv.
Allerdings ersetzt ein einzelner Hochleistungsrechner kein Rechenzentrum.
Cloud-Anbieter bieten Skalierung, Hochverfügbarkeit, weltweite Infrastruktur und den gleichzeitigen Betrieb für Millionen Nutzer.
Lokales KI-Hosting dürfte daher eher eine Ergänzung als ein vollständiger Ersatz für Hyperscaler werden.
Ist das bereits eine KI-Blase?
Der Begriff „Blase“ wird derzeit häufig verwendet.
Historisch betrachtet gab es ähnliche Entwicklungen bereits mehrfach.
Beim Eisenbahnbau im 19. Jahrhundert, während der Dotcom-Zeit oder beim Ausbau der Glasfasernetze wurden enorme Summen investiert.
Viele Unternehmen verschwanden später wieder vom Markt.
Die Infrastruktur blieb jedoch bestehen und bildete die Grundlage für neue Geschäftsmodelle.
Auch heute könnte es ähnlich verlaufen.
Selbst wenn einzelne Investitionen wirtschaftlich scheitern sollten, bleiben leistungsfähige Rechenzentren, Glasfasernetze und Chipfabriken erhalten.
Die eigentliche Frage lautet daher weniger, ob die Infrastruktur benötigt wird.
Entscheidend ist vielmehr, wer die enormen Investitionen letztlich bezahlt und ob sich die erwarteten Renditen tatsächlich realisieren lassen.
Wo Pallenbergs Analyse an Grenzen stößt
So nachvollziehbar viele seiner Beobachtungen sind, so vorsichtig sollte man mit einigen Schlussfolgerungen umgehen.
Nicht jeder Cloud-Umsatz entsteht ausschließlich aus Beteiligungen.
Die großen Hyperscaler verfügen über Millionen Unternehmenskunden, die ihre Infrastruktur unabhängig von KI nutzen.
Ebenso lässt sich derzeit noch nicht sicher sagen, ob Open-Source-Modelle langfristig tatsächlich den Markt dominieren werden.
Auch der Bedarf an Rechenleistung könnte trotz effizienterer Modelle weiter steigen.
Multimodale Systeme, autonome Agenten oder wissenschaftliche Simulationen benötigen enorme Ressourcen.
Effizienzgewinne bedeuten deshalb nicht zwangsläufig sinkende Nachfrage.
Viele seiner Aussagen beschreiben daher plausible Zukunftsszenarien, keine gesicherten Entwicklungen.
Europa ist der Einsatz
Der vielleicht bemerkenswerteste Teil seiner Analyse betrifft jedoch nicht die Technologie selbst.
Sondern Europa.
Pallenberg formuliert zugespitzt:
„Europa sitzt nicht mit am Tisch. Europa ist der Einsatz.“
Hinter diesem Satz verbirgt sich eine unbequeme Realität.
Europa verfügt bislang weder über eigene Hyperscaler noch über weltweit führende Foundation-Modelle.
Europäische Unternehmen nutzen überwiegend amerikanische Cloud-Plattformen.
Viele Investitionen fließen über internationale Fonds wiederum in genau jene US-Konzerne, die den KI-Markt dominieren.
Sollte sich das Geschäftsmodell dieser Unternehmen langfristig als weniger profitabel erweisen als erwartet, hätte Europa kaum Einfluss auf diese Entwicklung.
Gleichzeitig wächst die technologische Abhängigkeit.
Nicht nur bei Software.
Auch bei Cloud-Infrastruktur, KI-Plattformen und zunehmend sogar bei Halbleitern.
Diese strategische Dimension wird in der öffentlichen Diskussion häufig unterschätzt.
Dabei entscheidet sich hier möglicherweise die eigentliche Zukunftsfrage.
Nicht, welches Sprachmodell heute den Benchmark gewinnt.
Sondern wer künftig die digitale Infrastruktur kontrolliert, auf der Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft aufbauen.
Fazit
Sascha Pallenbergs Analysen sind bewusst pointiert formuliert und laden zur Diskussion ein. Nicht jede seiner Prognosen wird sich zwangsläufig bewahrheiten. Begriffe wie „KI-Blase“ oder „Peak überschritten“ bleiben Einschätzungen, keine belegten Tatsachen.
Dennoch lenkt er den Blick auf Fragen, die in der Euphorie um Künstliche Intelligenz oft untergehen.
Wie nachhaltig sind Investitionen von mehreren hundert Milliarden Dollar pro Jahr?
Wie belastbar sind Geschäftsmodelle, wenn leistungsfähige Open-Source-Alternativen immer stärker werden?
Welche Folgen hat die zunehmende technologische Abhängigkeit Europas von wenigen globalen Plattformen?
Vielleicht besteht die eigentliche Stärke seiner Analysen gar nicht darin, endgültige Antworten zu liefern.
Sondern darin, genau diese Fragen überhaupt zu stellen.
Denn die Geschichte großer Technologiebooms zeigt: Nicht jede Revolution endet mit den Gewinnern, die zu Beginn am stärksten erscheinen. Manchmal verändert sich das Spielfeld schneller als die Strategien der Marktführer. Und manchmal entscheidet sich der eigentliche Wettbewerb nicht allein über die beste Technologie sondern darüber, wer die wirtschaftlichen und geopolitischen Rahmenbedingungen langfristig kontrolliert.
Quellen
- Sascha Pallenberg: Kreislauf-Invest – Wie Big Techs KI-Umsätze sich im Kreis drehen (MeTacheles): https://www.metacheles.de/kreislauf-invest-wie-big-techs-ki-umsaetze-sich-im-kreis-drehen/
- LinkedIn-Beitrag von Sascha Pallenberg zur Fortsetzung der Analyse (Juli 2026): https://www.linkedin.com/feed/update/urn:li:activity:7484881041476911105/
- Geschäftsberichte und Investor-Relations-Unterlagen von Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta und Nvidia (2025/2026)
- Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS): Veröffentlichungen zu KI-Investitionen und Produktivitätsrisiken
- Citi Research: Analyse zu Token-Verbrauch und Entwicklung des KI-Marktes (2026)



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